Sonntag, 4. Juni 2017

Was war. [Mai 2017] - Be awesome.

Wir waren am 1. Mai in den Niederlanden. Wie sehr muss ich mich selbst hassen, um da mitzumachen? Oder, wie ein anderer verzweifelter Mann im gerammelt vollen Einkaufscenter völlig korrekt feststellte: "Wer das hier erlebt hat, beschwert sich nie wieder über einen Samstag bei IKEA."

Dann war ich aufgrund des Insistierens meiner Tochter ("Wenn der nächste Sommertag ist, kommst Du aber mal mit ins Freibad, Du Lümmel!") zum ersten Mal seit 20 Jahren in einem Freibad und wusste sofort wieder, warum Freibäder für mich die Hölle sind.

Kennt ihr das? Ihr seht jemanden, der ein Kleidungsstück, Accessoire oder sonst etwas trägt oder mit sich führt und ihr wüsstet zu gerne, was das ist und wo er/sie das her hat. Ich hatte so eine Situation im örtlichen Supermarkt. An der Kasse vor mir eine Frau mit Schuhen, die Frau Tierlieb sehr gut zu Fuße gestanden hätten. Frau Tierlieb hätte sie einfach angesprochen, dass sie die Schuhe toll findet, wo sie die denn her habe und überhaupt, kennen wir uns nicht, ach wie schön, dass wir uns so wieder treffen und so weiter und so fort.
Ich frug mich, ob ich die Frau ansprechen sollte, weil die Schuhe wirklich schön waren. Einfach so, als ehrlich gemeintes Kompliment. Ohne Hintergedanken. Vielleicht hätte sie sich darüber gefreut. Vielleicht hätte sie auch gedacht, dass ich mir schon eine bessere Masche ausdenken müsse, wenn etwas von ihr wolle ("Lüstling!"). Lüstling ist im Übrigen ein viel zu selten verwendetes Wort. Möglicherweise hätte ich mich sogar auf linguistischer Ebene gefreut, wenn sie es mir ins Gesicht gespuckt hätte, wäre aber trotzdem ob meiner guten Absichten enttäuscht gewesen. Möglicherweise hätte sie aber auch ein ehrliches "Danke" erwidert. Ich hätte es zu gerne gewusst.
So schob ich stumm meinen Einkaufswagen hinter der Frau her und wünschte mir, mehr awesome zu sein.

Ich lese gerne Geschichten über Menschen wie Jörg Ilzhöfer, denn mir wird dann jedes mal aufs Neue bewusst: Gut ist der, der Gutes tut. (Frei nach dem großen Philosophen Forrest Gump) Manchmal kann das Leben so einfach erklärt werden. Manchmal ist es aber auch so kompliziert und voller wtf, dass man die kleinen Momente der Awesomeness genießen muss.
Und so genoss ich meinen Moment der Awesomeness des Monats: Samstags saßen wir beim Frühstück, alle waren ausgeschlafen, gechillt und gesund, keine anstehenden Termine, die Sonne schien durch die Bäume auf den Esstisch. Es war der perfekte Moment, den ich so gerne länger festgehalten hätte, da er mich für einen Augenblick mit Glück geflutet hat.

Ansonsten gab es im Mai nicht viel Glück. Um genau zu sein, war ich im Mai aus Gründen sogar ziemlich traurig.



Wenn mir sonst noch etwas einfallen würde, wäre jetzt an dieser Stelle irgendwas. Aber so glotze ich nur blöd in die Gegend. Für euch und mich unangenehm.

Sonntag, 30. April 2017

Was war. [April 2017]: Ostern im Kreiswehrersatzamt ist besser als Rosenkohl in unprätentiösen Wohnzimmern

Diesen Monat habe ich Godot verpasst, während ich auf verschwundene Pakete gewartet habe.



Aus gleichem Anlass bin ich wieder kreuz und quer durch Deutschland gereist, um mehrere Paketzentren von DHL zu auditieren. Beeindruckend war das, sehr erhellend und gleichermaßen ein einziges Ärgernis. Die Rakete ist nach wie vor fest entschlossen, die Vorgänge, die mich seit drei Monaten dienstlich so sehr beschäftigen, aufzuklären. Immer wieder bietet sie ihre Hilfe an. Möglicherweise ist auch ein bisschen Eigennutz im Spiel, da ich dann wieder öfter zuhause sein könnte. Und weil ich nach wie vor an das Gute im Menschen glaube, warte ich derweil weiterhin jeden Tag darauf, dass sich herausstellt, dass der ganze unglückliche Vorgang durch einen Fehler begründet ist, den ein einigermaßen trainierter Affe nicht gemacht hätte. 



Leider wurde ich trotz der hohen Abwesenheitsquote zuhause nicht zum Vater des Monats gewählt, da Sigmar Gabriel ewiger Titelträger ist. Bin nah dran, mir einen schönen Wollpullover anzuziehen und in die Politik zu gehen. Alles was ich für einen Einstieg ins Dorfparlament wissen muss, habe ich bereits bei Monty Python gelernt.

Der Monat begann aber eigentlich mit einem Einschreiben vom Kreiswehrersatzamt. Die Jüngeren kennen das vermutlich schon gar nicht mehr. Ich wurde für den 03.04.2017 geladen, meinen Wehrdienst wieder anzutreten und die vor 20 Jahren krankheitsbedingt nicht geleistete Zeit nachzuholen. Da der Termin beim Kreiswehrersatzamt mit beruflichen Terminen kollidierte, war ich schon arg gestresst dort angekommen. Zu allem Überfluss fiel mir bei der Vorstellung dort auf, dass es keine Wehrpflicht mehr gibt und dass ich älter als 27 Jahre bin, also nicht mehr zum Dienst herangezogen werden kann. Also bin ich einfach wieder gegangen. Mein Chef hat dann unverzüglich die Bundeswehr wegen meiner Ausfallzeit verklagt und Recht bekommen. Glücklicherweise war das alles nur ein Traum, aber schlimm genug. Und beruhigend zu wissen, dass Eskalationsmechanismen auch im Traum funktionieren.
Ich bin kein Traumdeuter und weit davon entfernt, meinen Träumen Bedeutung beizumessen. Ich habe für mich beschlossen, dass der Traum entweder bedeutet, dass ich im Leben Entscheidungen treffen muss, die immer für etwas sind und gleichzeitig gegen etwas. Schade Bundeswehr, das müsst ihr jetzt akzeptieren, aber ich komme nicht zurück - oder wie mein Feldwebel am Tag der Entlassung sagte: "Grützenhuber, Sie sind der schlechteste Soldat, den ich je in meiner Einheit hatte. Sie eignen sich nicht einmal für die Reserve!" Er dachte vermutlich, dass mich das nachhaltig trifft. Aber noch unsinniger als Grundwehrdienst sind Reserveübungen. Tja.
Verpflichtender Grundwehrdienst ist ein absoluter Anachronismus und ist die absolut unsinnigste Erfahrung, die ich gemacht habe. Daran war von vorne bis hinten alles falsch. Alles. Aber statt mich darüber aufzuregen, freue ich mich lieber für alle, die die Option Zivildienst gewählt haben oder überhaupt keinen Dienst mehr antreten mussten.
Wenn ein Monat mit Wehrdienst beginnt, was soll dann noch kommen?



Ein Hund, der nach dem Besuch beim Hundefriseur aussieht wie Sascha Hehn in "Das Traumschiff". Frau Tierlieb nennt mich seitdem Oskar Schifferle, ich spreche sie mit Beatrice von Ledebur an. Schlimmer geht trotzdem immer.

Dann stehe ich samstags auf dem Markt am Gemüsestand des örtlichen Bauern, zwei ältere Damen mit beigen Jacken und beigen Schuhen stehen palavernd neben mir und wissen aus nicht ersichtlichem Grund genau, welche Ausländer man bitte gleich wieder heimschicken sollte.
Ich müsste etwas sagen, denke ich, aber ich weiß nicht, wo ich bei solchen überhaupt anfangen soll. "Solche", so nennen sie die Ausländer. Sie ziehen weiter, vermutlich zum Frisuer, denn solche gehen samstags immer zum Friseur. Sie lassen mich immer noch wütend und ungläubig zurück, dass sich hier jemand, der sich jede Woche die Haare zu so einem Haarhelm föhnen lässt, zu wissen glaubt, wie viel Leiden anderen Menschen zuzumuten ist. Der Volkswille hat ein hässliches Gesicht und mitunter eine beschissene Frisur.
In diesem Zusammenhang frug ich mich einmal mehr, ob nicht ein Ausreiseverbot für Waffen besser für die Gesamtsituation sein könnte als ein Einreiseverbot für Menschen.




Wenn im Kollegenkreis keiner eine gute Idee hat, wohin man in der Mittagspause gehen soll, muss man irgendeinen Fastfood-Laden vorschlagen. Jeder wird sagen "McDonalds/Burger King geht gar nicht!" und bessere Vorschläge machen. Das Eis muss durch die schlechtestmögliche zur Debatte stehende Option gebrochen werden, um die Kreativität zu inspirieren. Das funktioniert zuhause oder in Projekten auch ganz gut. Es ist leichter, den zweiten Schritt zu machen als den ersten. Lieber einen schlechten ersten Entwurf überarbeiten oder verbessern statt mit einem leeren Blatt Papier zu starten. Lieber dem Kind Rosenkohl anbieten und dann auf Gemüsevorschläge warten, die mir selbst auch besser gefallen. Funktioniert erstaunlich oft.

Dann waren auf Instagram die diesjährigen Weltmeisterschaften in "Skandinavisch-minimalistischer Osterdeko in Pastellfarben", zu der wir wie jedes Jahr bereits in der Qualifikation gescheitert sind. Mein Bruder besuchte uns zu dieser Zeit, um Trost zu spenden. Als großer Traditionalist zwang er mich schließlich am Karfreitag dazu, zum ersten Mal in meinem Leben Struwen zuzubereiten. Struwen kennt man außerhalb des Münsterlandes vermutlich gar nicht, das ist wohl mehr so ein regionales Ding.
Also habe ich Struwen gemacht. Es war ein guter Struwen. Heiß und gut. Das ist die Wahrheit. Alle sollten sich Struwen machen. Er ist großartig.
Als guter Westfale darf man an Karfreitag ja nicht einmal lachen, ganz zu schweigen vom Genuss von Fleisch. Diese wichtige Verhaltensweise versuchte ich Rakete und ihren Cousinen zu vermitteln. Ich: "Karfreitag…bla bla bla…kein Fleisch…bla bla bla…Nudeln…Eier…Struwen…bla bla bla"
Kinder: "Ok. Dann grillen wir Würstchen!" Also bekamen die Kinder derweil Würstchen vom Grill. Sie sind halt noch keine echten Westfalen und durften sogar lachen. Ich sehe da auch einen kausalen Zusammenhang zwischen den Würstchen und fröhlichen Gesicherten. Wenn Jesus das gewusst hätte, hätte er sich im Grabe umgedreht. Aber er hing Karfreitag glücklicherweise noch am Kreuz und konnte sich nicht drehen. Win-Win.

Was ist eigentlich Heimat, frug ich mich bei einem kurzen Besuch in der Stadt meines Aufwachsens. Jene Stadt ist mir nie so richtig Heimat gewesen. Nachdem ich direkt nach dem Abitur vor 20 Jahren fluchtartig die Stadt verließ, war sie mir bei den wenigen Besuchen dort stets ein bisschen fremder. Da ich viel Autofahr-Zeit hatte, in der ich auf der Frage herumdenken konnte, bin ich sogar zu so etwas wie einer Antwort gekommen, was Heimat für mich ist: Vermutlich ist Heimat sogar überall dort, wo die Familie sich wohl fühlt. Ich selbst bin eher wurzellos, brauche doch fast nichts. Home is where the hard disk is. Und der Bierkühlschrank. Und schnelles Internet. Der Rest wird sich immer irgendwie finden.
Leipzig ist übrigens auch schön. Ich meine ja nur.

Ich mag am Internet, dass ich einerseits so viel erfahren kann, wovon ich vorher keine Ahnung hatte (aber auch vieles, von dem ich lieber keine Ahnung hätte); und andererseits, dass ich in verschiedensten Formen einen Blick in das Leben der Anderen werfen kann. In diesem Zusammenhang finde ich Wohnungen anderer Menschen total spannend. Unser Freund David hat mal in seiner "Wohnzimmer-Serie" Ähnliches festgehalten, allerdings mit bekleideten Bewohnern. Wohnungen, die nicht für Freunde von Freunden oder Schöner Wohnen fotografiert werden (könnten), die folglich nicht so weit von der eigenen Realität entfernt sind. Für Portrait Daily (auf der Seite nach unten scrollen) wurden ein Jahr lang nackte Menschen in ihren Wohnungen in Berlin fotografiert. Die Person vom Vortag hat die Person am Folgetag fotografiert usw. Das sieht alles so unaufgeregt, unspektakulär und unprätentiös aus, dass man sich selber auch ganz normal vorkommt. 
Nun ja. Zumindest normaler als Hitler, der an seinem vierten Bier nippt und sich beschwert, dass er zu dick geworden sei, denke ich so, während ich an meinem vierten Bier nippe und denke, dass ich zu dick geworden bin. Möglicherweise weiß ich aber gar nicht, was normal ist. Möglicherweise sind das hier normale Wochenenden - Obstmandalas statt Jogginghose. Möglicherweise aber auch nicht. Kommt auf die Perspektive an. Verrückt sind halt immer nur die anderen (by the way: Make Trump Tweets Eight Again).



Eines Freitags dann bekam ich spontan Lust, alle Hits von Right Said Fred zu hören. Wer die kennt, hat noch gedient und kann schon fast einen Haarhelm tragen. Manchmal ist völlig sinnentleerte Popmusik von früher genau das Richtige. Besonders Freitagnachmittags nach Dienstschluss.
Die Rakete möchte neuerdings immer wissen, welche Bedeutung Songs haben. Warum ist der Mann traurig? Warum ist seine Frau und die Kinder weg? Sind sie gestorben? War er dann traurig und hat das Lied gesungen? Warum hat er Schmerzen? Muss er auch operiert werden? Warum sammelt er Lerrgut? Kann er sich nichts zu essen kaufen und muss verhungern? Warum isst er nicht bei seiner Oma? usw. usf. Bei Right Said Fred konnte ich ihr nicht ernsthaft weiterhelfen. Aber sehr wohl z.B. bei "Der alte Mann und das Leergut" von Henning Wehland und Glen Hansards "Bird of Sorrow".
Fing ich dann an, den jeweiligen Songtext detailliert zu erörtern, verdrehte erst Frau Tierlieb die Augen, dann die Rakete und dann musste ich "Let it go" laufen lassen. Alle verrückt.
Alle.

Aber was weiß ich denn schon vom Leben. Auch nicht mehr als ein Hund.

Sonntag, 2. April 2017

Was war. [März 2017] - Wie ich auf dem Gras des Nachbarn im schönen Wollpullover fast das Bernsteinzimmer fand

Nachdem ich im Januar und Februar eher einen Bewegungsmelder als einen Schrittzähler gebraucht hätte, konnte ich im März endlich wieder die ersten Meter zügig laufen (was man nach 5 Monaten Pause zügig nennt). Das komplette Weglassen des Aufbautrainings ist erfahrungsgemäß wichtig, damit der Grundstein für die nächste Knie-OP bereits jetzt gelegt wird; außerdem schmerzt das Knie nach einer Bruchlandung beim Wippen mit der Rakete wieder wie vor der OP. Nun ja. Mein Orthopäde möchte schließlich nicht sein Ferienhaus auf Sylt aus Geldnot vermieten müssen.

Im März jährte sich die Deaktivierung meines Facebook-Accounts zum ersten Mal. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob mir in dieser Zeit etwas gefehlt hat. Irgendwie nicht und irgendwie doch. Ach, ich weiß es doch auch nicht. Es ist kompliziert. Nur einsam gefühlt habe ich mich definitiv weder vorher noch hinterher. Vor allem bin ich ohne Social Media Account pauschal verdächtig. Möglicherweise existiere ich gar nicht. Was weiß ich denn schon. Zum Glück habe ich meine Frau, über deren Account ich von Zeit zu Zeit an ihrem Sozialleben teilnehmen darf. Daran bin ich aus dem real life schon gewöhnt. Wenn ich mit Frau und Kind über irgendein örtliches Volksfest laufe, müssen wir alle paar Meter stehen bleiben, damit sich Frau Tierlieb oder die Rakete mit irgendwem austauschen können. Mein sozial inkompetentes kommunikationsgeschwächtes Ich steht dann im Stealth-Modus daneben. Tarnkappen-Man ftw! Ich finde das übrigens gar nicht schlimm. Ich stehe gerne herum und lasse die Gedanken schweifen. Aber wenn ich erstmal Bürgermeister von Emsdetten mit schönem Wollpullover bin, dann werdet ihr noch sehen! Dieser "Jaja, rede nur weiter; nach der Revolution kommt das hier alles weg."-Gedanke. Ihr kennt ihn.

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob mein Tagesablauf wirklich so autobiografisch ist. Ich habe das in den letzten Wochen für den beruflichen Teil intensiv hinterfragt, nachdem ich der Rakete beigebracht habe, auf die Frage nach dem "Zauberwort" zu antworten: "§ 985 BGB Herausgabeanspruch".  Aber immer noch besser als das BDSG, das mich in diesem Monat deutlich mehr als sonst beruflich beschäftigt und meinem Arbeitgeber und mir viele Sorgen beschert hat. Und ich frug mich, was es eigentlich war, das ich machen wollte bevor sie mir sagten, dass ich meinen Lebensunterhalt verdienen müsse. Was allerdings nur eine Momentaufnahme war. Nach wie vor möchte ich gar nichts anderes machen, selbst wenn ich Wochen wie die letzten nicht dauerhaft durchleben möchte (und sie könnten auch gerne irgendwann in Bälde mal enden so zu sein).

Karnevalskilometerstand
Trotzdem musste ich ganz autobiografisch am letzten Montag im Februar beruflich reisen, weil ein Zertifizierungsaudit anstand. Der Plan war ein bisschen wie das Match des Ultimate Warrior gegen Phil Collins, wobei der Rosenmontag in meinem Fall der Ultimate Warrior und ich Phil Collins war. Nachdem ich verzweifelt und erfolglos versucht habe, ein Hotelzimmer mit ausgewogenem Preis-Leistungs-Verhältnis zu buchen, fiel mir der Umstand auf, dass am Anreisetag Rosenmontag war. Wenn ich aus Fehlern anderer Leute lernen würde, hätte ich mich daran erinnert, dass einer meiner Kölner Kollegen vor ziemlich genau einem Jahr berichtete, er sei Karnevalshasser und habe zu Rosenmontag in eine karnevalsfreie Zone fliehen wollen und habe zu diesem Zweck beim gleichen Kunden einen Termin vereinbart. Na, das war ein großes Hallo bzw. Helau! Für ihn wie für mich. Vielleicht lernt nun jemand anderer daraus.
Dann war Aschermittwoch, es kam die jährliche Mail der Personalabteilung, dass Resturlaub bis zum 31.3. zu nehmen sei. Ich habe noch 21 Tage alten Urlaub, also frage ich wie jedes Jahr meinen Chef, ich die Tage über Ende März hinaus übertragen darf. Chef schlägt vor, es sei doch jetzt Fastenzeit und ich könne doch in diesem Jahr Resturlaub fasten. Er war wohl noch im Karnevalsmodus.



Darüber hinaus konnte ich aufs Neue feststellen, dass das Gras des Nachbarn immer grüner ist. Immer. Manchmal ist es das wirklich, dafür ist es dann voll mit Hundekot und Maulwurfshügeln. Irgendwas ist ja immer.
Zum Glück habe ich das festgestellt, bevor ich über den Zaun auf die andere Seite gestiegen bin. Fühlte mich trotzdem wie ein nicht erwischter Fremdgeher, wie so ein verheirateter Tinder-Nutzer. Und überhaupt verliebt sich doch alle 11 Minuten ein Single über Parship, ist es nicht so? Das steht zumindest auf dem Plakat, durch das ich fast täglich hindurch starre, wenn ich auf dem Rückweg von der Arbeit an der Dorfampel halten muss. So richtig bewusst aufgefallen ist mir die Werbetafel eigentlich nie. Vielleicht weil die Models auf Parship-Plakaten so nichtssagend nett-durchschnittlich und glatt aussehen. Projektionsfläche für Durchschnittssehnsüchte. Aber irgendetwas fehlt. Und trotzdem: Wenn sich in Deutschland alle 11 Minuten ein Single über Parship verliebt, ist in 29 Jahren jeder Bundesbürger per Parship verkuppelt. Auf Basis welcher Erhebung kommen die von Parship wohl auf die 11 Minuten? Wie ich es auch drehe und wende, scheine ich einen Fehler in meiner Berechnung zu haben. Muss eventuell die Statistik um die, die ElitePartner nicht gut genug waren, bereinigt werden - oder ist sie das schon?
Egal. Bis Du an dieser Stelle des Textes angekommen bist, haben sich schon wieder irgendwo 0,58 Singles verliebt. Tja.



Dann haben wir eine Woche Familienurlaub gemacht. Einbrechen in unserer Abwesenheit lohnt nicht. Es ist alles im Auto. Alles. Und überhaupt. Frau Tierlieb musste im Urlaub arbeiten. Glücklicherweise führte die Arbeit sie für eine Woche nach Usedom, Familienanhang ausdrücklich willkommen. Schon im Vorfeld wurde die Rakete gewahr, dass man am Strand auf Usedom Bernstein finden kann. Das gab mir den Einstieg, endlich einmal auf hohem Niveau ernsthaft mit jemandem über den Verbleib des Bernsteinzimmers zu sprechen: "Wenn Du einen Bernstein am Strand findest, den Du nicht aufheben kannst, musst Du immer tiefer buddeln, vielleicht ist das nur das oberste Ende vom Bernsteinzimmer!" - "Buddeln kann Käthe super, das soll sie machen. Und das Bernsteinzimmer nehmen wir dann mit nach Hause und stellen es uns in den Garten." - "Aber das sollte besser niemand sehen!" - "Dann stellen wir es in die Garage. Oder wir schmelzen es ein und formen ein Einhorn daraus!" Seems legit. Der Plan stand also. Leider haben wir es dieses Mal nicht gefunden, echt jetzt.
Aber mal was Anderes: Wie ich erfuhr, muss man beim Einschmelzen von Bernstein auf die Temperatur achten, da Bernstein bei zu hohen Temperaturen anfängt zu brennen. Kennt sich jemand damit aus und kann einem Freund von mir Tipps dazu geben?



Auch ohne das Auffinden des Bernsteinzimmers war der Urlaub sehr schön. Reibungslose Hin- und Rückfahrt, gute Unterkunft, klasse Wetter. Freunde von uns kamen mit dem Camper vorbei und blieben ein paar Tage, das war auch sehr schön. Die Rakete hat Luftgitarre gelernt, wir haben Dry Aged Beef gegrillt, haben einen Ausflug nach Polen gemacht, mit anschließendem Tadel vom deutschen Zoll (durften Kind und Hund aber glücklicherweise wieder einführen), haben Muscheln gesammelt und hatten überhaupt eine Menge Spaß. Alles in allem eine runde Sache. Vielleicht aber auch nicht, denn bei Familien-Urlaubsfotos sieht man meistens weniger als in echt passiert ist. Gilt für mein Blog übrigens auch. Man weiß es nicht genau, wenn man nicht dabei war. Und selbst dann nicht.

Nach dem Urlaub war "Fahren" das beherrschende Thema. Erst musste ich aus Gründen den neuen Dienstwagen einige tausend Kilometer einfahren (endlich mal wieder in Hamburg gewesen), danach hat die Rakete endlich Fahrradfahren gelernt. Eltern kennen das, wenn man stundenlang mit der stützenden Hand am Gepäckträger oder Sattel  den Radfahr-Versuchen des Kindes gebeugt hinterher rennt. Adios Gesundung des Knies und Wohlbefinden des Rückens. Als Gegenleistung gab es ein vor Stolz platzendes Kind, das war sehr schön.



Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, daher musste ein Wohnwagen her. Direkt am Morgen nach dem Kauf wurden wir von der Rakete gezwungen, bei 5° Außentemperatur darin zu frühstücken, um sich für den deutschen Sommer einzugrooven. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Aber zumindest habe ich einen Tipp für die Fahrt in den Urlaub: Im letzten Monat frug ich, ob es eine Lösung gibt, Prinzenrolle-Kekse aus den Tiefen der Verpackung zu holen. Jetzt habe ich sie gefunden! Bitte, gerne. Ich helfe ja, wo ich kann.

Sonntag, 12. März 2017

12 von 12 [März-Edition]

An jedem 12. eines Monat findet das Fotoprojekt "12 von 12" statt und in diesem Monat habe ich mal wieder Zeit für die Teilnahme, da heute mein Urlaub startete, und zwar...

 ...um 3:30 Uhr, mit vollgepacktem Auto. Sogar Hund und Kind passten noch rein.



Erste Pause um 7 Uhr, in der Nähe von Lübeck. Nachts fährt es sich ganz entspannt.



Die Rakete ist inzwischen auch wach und bastelt dem Ü-Ei-Hasen ein Bett.



Angekommen auf Usedom durfte Frau Tierlieb bei kaltem aber sonnigem Wetter drinnen arbeiten...

...und ich durfte mit Tante Käthe die Gegend erkunden.



Später dann Kaffee im Strandkorb, aber der Wind war ziemlich kalt, auch wenn die Sonne schon Macht hatte, wie die Altvorderen sagen würden.


Also rasch nach drinnen gewechselt und ein bisschen entspannt, während die Rakete...




"einfach nur liegen und entspannen" wollte. Verwandtschaft zu mir nicht ausgeschlossen.



Was vom Sand Skulpturen Festival 2016 noch übrig war, konnten wir später begutachten.


Kalt war es am Strand, sehr kalt. 10km vor der polnischen Grenze ist das noch Polen- oder schon Russen-Kälte?



Freunde kamen zu Besuch. Der Italiener ahnte, dass wir keine Kostverächter sind und gab uns eine Flasche seines vermutlich teuersten Weines zur Bestellung dazu.



Der Abend endete mit einem Selbstbildnis nebst Signatur der Rakete. Habe Hoffnung, dass sie irgendetwas mit Kunst statt mit Germanistik studieren wird. Aber letztlich kann sie immer etwas mit Compliance machen, klappt bei mir schließlich auch ganz gut.

Sonntag, 26. Februar 2017

Was war. [Februar 2017]: Business in the front - Wurstquartett in the back!

Februar war Vokuhila-Monat, oder wie der Ami Vokuhila übersetzt: Business in the front - party in the back!
Für die Rakete sind auch die nächsten Monate Vokuhila-Monate, weil sie "doch nur ein schönes Vogelnest machen" wollte. Was eignet sich für ein schön weiches Vogelnest besser als die eigenen Haare?



Ich habe im Februar nicht nur die amerikanische Entsprechung von "Vokuhila" gelernt, sondern auch die hochdeutsche Entsprechung von "Hoall di kriäggl!". Diesen guten plattdeuschten Wunsch kennt man ja. OK, vermutlich kennen ihn unter den U80jährigen nur Altstar Martin und ich. Jedenfalls musste ich mit nicht unerheblicher Verwunderung feststellen, dass es sogar Journalisten gibt, die das Wort "kregel" verwenden. Ich mag solche eremitischen Leuchtfeuer der deutschen Sprache.

Hund, eilig.


Genau an das entgegengesetzte Ende der Schönheit deutscher Sprache habe ich mich auch begeben: Ich habe nach Krankenversicherungen für Hunde recherchiert. Ich habe mich nicht einmal entblödet, mich in einem Forum in die Thematik einzulesen. In einem endlos langen Thread mit mehr oder weniger brauchbaren Hinweisen geht es in der Mitte von Seite 3 zwischenzeitlich um Hitler und Chemtrails. Das sagt im Grunde genommen schon alles über Foren und die Sinnhaftigkeit meiner Suche. Aber vermutlich denkt das jeder, der auf der Suche nach *hier bitte irgendwas einsetzen* aus Versehen auf "Fach-Foren" stößt. Es gibt nicht viele Dinge, die bei der Recherche unsinniger sind als Foren-Threads, sofern die Suche überhaupt zum Ziel führt. Meist stößt man auf tote Links von 2002 oder auf Threads, in denen Fragende mit "Alter, das haben wir bereits in Thread XY beantwortet" abgewatscht werden. Unnötig zu erwähnen, dass der erwähnte Thread natürlich nicht die Antwort bietet oder dass der Link dorthin tot ist. Oder dass es ab Seite 3 um Hitler geht.
Q.E.D.



Zu Beginn diesen Monats haben wir den klassischen Videoabend eingeführt. In Ermangelung von Videos ist es dann eben ein Netflix- oder Amazon-Prime-Abend. Total schön, vor allem für die Rakete. Der Samstagabendfamilienfernsehabend ist gefühlt schon viele Jahre tot. Dabei war es immer schön, wenn die ganze Familie versammelt vor dem Fernseher "Wetten, dass...", "Verstehen Sie Spaß?" oder ein VHS-Video aus der Videothek geschaut hat. Das habe ich schon 25 Jahre nicht mehr gemacht. Womit unter anderem auch ich für den Niedergang der Videotheken verantwortlich bin. Pizza, Nüsschen, Chips dazu, fertig. Gute Sache. Werden wir regelmäßig machen, vor allem, weil die Rakete dabei total steil geht. Wenn schon vor dem Fernseher sitzen, dann so.
Gibt es eigentlich noch jemanden, der dauerhaft lineares Fernsehen bevorzugt anstatt auf Netflix, Amazon Prime, TV-Mediatheken und Co. zurückzugreifen? Das kann man doch nicht ernsthaft machen (sofern man die Wahl hat). Aber was weiß ich denn schon vom linearen Fernsehen. Gucke ich schließlich nicht, ich kann mir den Abend auch selbst ganz gut ruinieren.



Genauso wie Videoabende wird man später Telefonzellen von früher kennen. Ausrangierte Telefonzellen werden von der Telekom in einem Wald im brandenburgischen Michendorf beerdigt. Stehend. Man kann sie übrigens für 300-500 Euro kaufen. Es gibt z.B. Firmen, die sich Telefonzellen in Großraumbüros stellen, damit die Mitarbeiter darin ungestört mit dem Mobiltelefon telefonieren können. Völlig absurde Zweckentfremdung.
Die nachfolgenden Generationen werden Telefonzellen nur aus den Erzählungen der Altvorderen kennen. So auch unsere Tochter, die beim Anblick des Bildes einer Telefonzelle fragte, ob das eine Rakete sei. Habe ihr erzählt, dass es eine Kryokapsel ist, in der Superhubert schläft, bis der Luftwurstmann das nächste Mal den heiligen Klebebandabroller klaut. Aber das ist auch so eine Geschichte von früher, von der ich evtl. bei Gelegenheit mal berichte.
Von früher kenne ich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters Reinhard Mey, der mir beim Gedanken an das stehende Sterben unvermittelt in den Sinn kam. So sind die Synapsen bei jungen Leuten vermutlich nicht verknüpft.

Einen Tag wieder im Dienst und - eineneuerundeineneuewahnsinnsfahrtjetztnocheinsteigen - die nächste Fahrt geht ostwärts! Auf der Fahrt gen Sachsen hatte ich einmal mehr ein schier unlösbares Problem: Wie bekommt man die Prinzenrolle-Kekse aus der Packung? [Bonuslevel: Während der Autofahrt] Gibt es dafür einen ultimativen Lifehack? Vermutlich wird die Lösung des Problems von Kaffeeverpackungsentwicklern gut gehütet und nur von den Alten an ihre Nachfahren weitergegeben.



Apropos Nachfahren: Ich hatte zu Beginn des Monats Geburtstag. Bereits einen Tag vorher gratulierten mir viele Leute, was mich total gefreut hat. Am Geburtstag gratulieren kann schließlich jeder. Pre-Birthday erscheint mir viel besser. Aus Gemütlichkeitsgründen hatte ich zum Beispiel im Januar den Geburtstag eines Freundes bereits am Abend vorher mit ihm gefeiert. Seems legit.
Am Haupt-Geburtstag weckte mich die Rakete aufgeregt und übergab mir feierlich eine Papierkrone, die ich den ganzen Tag tragen sollte. "Heute bist Du der König! Und heute Abend kommen ganz viele Leute und wir machen Party bis tief in die Nacht!" sagte sie und lud später noch den halben Kindergarten und diverse Eltern zur Party ein. Vielleicht ist sie doch nicht blutsverwandt. Ganz sicher blutsverwandt ist hingegen meine geliebte Schwester, die mir zum Geburtstag eine Kiste Bier geschenkt hat. Aber nicht profanes Industrie-Bier, sondern selbst gebrautes Bier Pilsener Art. Etwas Selbstgemachtes geschenkt zu bekommen kann also doch schön sein. Dazu noch ein Wurstquartett, genau mein Humor.

Genau mein Humor war auch die Nominierung von Engelbert Sonneborn für das Amt des Bundespräsidenten. Was spricht denn dagegen, damit zu werben, dass man einen schönen schwarzen Anzug hat? Ich werde seit Jahren nicht müde damit zu werben, dass ich als Bürgermeister von Emsdetten immer einen schönen Wollpullover tragen würde. Zumindest meine Schwiegereltern und einige Protestwähler würden mir mit diesem Wahlversprechen ihre Stimme geben. Weniger als die 10 Stimmen, die Herr Sonneborn bekommen hat, hätte ich auch nicht erhalten. Und die Wahrheit verbiege ich aus beruflicher Veranlassung jetzt schon jeden Tag. Perfektes Politiker-Profil. Es muss mich nur noch eine der Emsdettener Parteien aufstellen. Möglicherweise würde ich mich sogar für den Erhalt der letzten Emsdettener Videothek und für Kleingeldrentner stark machen (vermutlich identische Zielgruppe). Ich würde mich auch wieder bei Facebook anmelden und Social-Media-Bürgermeister mit ungefilterten Statements werden. Donald Trump für Vorstadtbewohner. Ein Traum. Nur müsste ich vorher meine Internet-Spuren verwischen.






Und dann war sie endlich da: Die Einhorn-Schokolade! Schmeckt ganz grauenhaft, aber darum geht es schließlich nicht. Und der Rakete, die die Schokolade geschenkt bekam, war es auch egal. Hauptsache Schokolade. Wir haben also fair geteilt: Ich bekam die Verpackung, sie die Schokolade. Win-Win.

Als ich mit der Rakete Kaufmannsladen gespielt habe, wollte sie mir die Schokolade mit GANZ VIELEN Münzen bezahlen. Aus ihr wird mal ein super Rentner.
Ich musste aber feststellen, dass ich erstaunlich altersmilde geworden bin. Es war mir zuletzt jedes Mal völlig egal, wenn vor mir an der Kasse ein Kleingeldrentner den Verkehr aufgehalten hat. Er macht es doch nicht, um die Leute hinter ihm zu ärgern. Für diese Erkenntnis habe ich ziemlich lange gebraucht. Dafür konnte ich mich dann toll über die Leute aufregen, die sich über den Kleingeldrentner aufgeregt haben. Ohne Aufregung geht es anscheinend nicht.

Und private Aufregung gab es zu Genüge in den vergangenen Wochen. Wenn es geliebten Menschen von jetzt auf gleich sehr schlecht geht, ist schnell ein emotionaler Ausnahmezustand erreicht. Mich stresst so etwas in gleichem Maße wie es mich demütig macht. Gesundheit ist ein Geschenk, das viel zu wenig gewürdigt wird, das gilt ganz besonders für mich.
Ich lernte zum Thema Gesundheit in diesem Monat, dass die Ärzte Mittwochnachmittag die Praxis schließen, um sich fortzubilden. So war zumindest mal irgendwann der Plan. Darauf angesprochen, erzählt mir mein Arzt von den Stones und "Mother's little helper" und führt mir direkt die Wirkung vor (ich weiß allerdings immer noch nicht, ob er sich mittwochs fortbildet). Und ich denke hinterher: Schade, dass die Dinger verboten sind. Anterograde Amnesie ist eine schöne Sache. Aber ich werde auch nie verstehen, warum Ärzte Patienten mit Schlafstörungen nicht einfach mal ein paar unserer Meetings verschreiben.

In diesem Sinne: Kriäggl hoalln!

Sonntag, 29. Januar 2017

Was war. [Januar 2017] - Tätowierte Vorhaut, Käthe, poetischer Stuhlgang

Diesen Monat hat sich eine Menge Unzufriedenheit über körperliche Unzulänglichkeiten in mir aufgebaut. Schleppender postoperativer Heilungsverlauf mit vielen kleinen Rückschlägen und Schmerzen. Eine über zwei Wochen schwelende Erkältung. Innere Unruhe, ein gerüttelt Maß aufgestaute geistige und körperliche Unausgelastetheit. Das sportlichste, das meine Jogginghose diesen Monat erlebt hat, war der Schleudergang der Waschmaschine.

2017 war gerade fünf Stunden jung, als die Rakete das Jahr mit einem Feuerwerk aus mit Magensäure garniertem Halbverdautem einläutete. Dazu gesellte sich dann noch tüchtig Durchfall. Ihre Bezeichnung für Durchfall ist immer schon "geschmolzenes Aa", was ich fast schon poetisch finde.
Vor allem entspricht das genau meinem Verständnis von Sprache. Zum Beispiel finde ich das Wort "Herzinfarkt" so trocken und dahingerotzt wie, nun ja, wie eben ein Herzinfarkt einen einfach da hin rotzt. Viel schöner ist der englische Begriff "heart attack", das klingt sportlich und kraftvoll, voller Energie. Aber was weiß ich denn schon von Infarkten. (Zum Glück)
Kinder geben einem ja so viel zurück. Vorrangig Infekte - aber immerhin haben Frau Tierlieb und ich es geschafft, ansteckungsfrei durch diese Zeit zu kommen.

Man sagt, dass Kleinkinder nach Infekten einen "Schuss" machen. Bei unserem kleinen Mädchen kann ich das in puncto Mut durchaus bestätigen. Wie sie neulich mit erhobenem Zeigefinger vor der Oma stand und ihr sagte: "Oma, ich diskutiere das nicht. Du spielst jetzt mit mir. Ohne Wenn und Aber." und kurz darauf zu meiner Frau: "Mama, ich sag Dir jetzt mal was. Du hast jetzt Sendepause, hör mir gefälligst zu!". Die Rakete hat echt Eier. Ich würde mich das nicht trauen!

Lustigster Moment diesen Monat: "Hast Du eine Vorhaut?" fragte ein Freund mich unerwarteter Weise. Wobei ich glaube, dass diese Frage immer unerwartet kommt, wenn man nicht gerade beim Urologen vorstellig wird. Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke. (Ob es wohl sehr schmerzt, sich die Vorhaut tätowieren zu lassen?)

Gleich zu Beginn des Jahres bekam ich einen Schreck, als Postbote Manni mit einem unerwarteten Einschreiben in der Tür stand, wie in diesem Fall mit dem Einschreiben von meiner Krankenversicherung. Völlig unrealistische Gedanken wie "Die verweigern mir in letzter Minute die OP" schießen mir durch den Kopf. Dabei sind es nur die Zugangsdaten für meinen Online-Account. Das initiale Passwort war mir etwas zu komplex. Also habe ich "ö/KD4ien2§'chY,iaL" als neues Passwort gewählt. War aber nicht sicher genug. "Ihr Passwort muss mind. 7 Sonderzeichen, 4 Kleinbuchstaben, 13 verschiedene Zahlen und das Blut eines kastrierten Wombat enthalten." Krankenkassen-Passwort-Konvention dafuq?! Ein paar Tage später habe ich dann gesehen, dass mir meine Bank eine Wunsch-PIN für die EC-Karte anbietet. Zukünftig am Geldautomat also "1234" - Bitte, hier sind 5000 Euro.
Alle verrückt.



Kurzurlaub an der Nordsee, Kraft tanken nach 2016 und einem nicht minder anstrengenden Jahresbeginn voller persönlicher Funktionseinschränkungen auf allen Ebenen. Beruflich habe ich nicht abgeschaltet und das Fehlen meiner drei Damen machte zudem, dass sich alles irgendwie unvollständig und nicht erholsam anfühlte. Bei all der Unzufriedenheit war das aber auch zu erwarten. Trotzdem: Die Niederlande sind ganz possierlich - ich mag es, dort zu sein. Das entspannte Fahren auf den Straßen; diese ausgedachte Sprache, die sich so niedlich anhört; die Weite des Landes, und, und, und. I like. Und ich freue mich auf den nächsten Urlaub, schon in ein paar Wochen. Nicht in den Niederlanden, aber dafür mit Familie.

Apropos Urlaub: Mein Hobby "1-Sterne-Rezensionen bei Amazon lesen" kommt mir auch für die Freude bei der Urlaubsplanung zugute. Skandalöse Zustände werden von unerschrockenen Bild-Leser-Reportern schonungslos aufgedeckt:

Traue niemals gepiercten und/oder tätowierten Urlaubern!
Im Januar habe ich eine Woche gearbeitet, hatte drei Wochen frei. OK, sagen wir: "frei". Aber mehr als zwei Stunden pro Tag gearbeitet habe ich nicht. Das zählt doch wie frei, oder? Oder?! Die Abwesenheitsnotiz als eine der großen Lügen der Gegenwart. Nichtsdestotrotz könnte es meinetwegen das ganze Jahr in solch einem Rhythmus weiter gehen, natürlich nur bei gleichem Gehalt.
Den Blick zwar schon weit voraus gerichtet, hatte ich trotzdem durch die viele Freizeit Gelegenheit, mit dem vergangenen Jahr abzuschließen. Privat hatte es Höhen und Tiefen, beruflich kam es mit hoher Arbeitslast, aber auch mit dem Erreichen von (zwangsweise) hoch gesteckten beruflichen Zielen daher. Der "Fake it 'til you become it"-Plan hat mehr als gut funktioniert. Alles andere als gut hat mein Körper funktioniert. Er lässt sich wohl nicht so gut täuschen wie Kollegen und Geschäftspartner. Mein Körper ist wie so ein innerer Klemmbrett-Mann. Eines Tages steht er da und sagt: Ich mache nicht mehr weiter, da kann Dein Geist noch so stark sein.
Und so liege ich eines Morgens auf dem OP-Tisch und lasse einen Teil meines Körpers entfernen (nicht die Vorhaut, sondern die dringend notwendige Penisverkleinerung).






Einen Teil verloren, dafür die Familie um einen Teil erweitert. Kaum bin ich dank Unterarmgehstützen vierbeinig, wird mir dieses Alleinstellungsmerkmal durch einen echten Vierbeiner streitig gemacht. Käthe zog bei uns ein und bereichert seitdem unseren Alltag mit viel Pipi mitten im Wohnzimmer. Die Rakete liebt sie und sie liebt die Rakete ("Ich nehme Käthe immer mit, wenn im Kindergarten Spielzeugtag ist!"). Frau Tierlieb liebt sie und vice versa. Und sie hört nicht auf mich, aber das kenne ich von den anderen Damen im Hause bereits, kommt auf eine mehr oder weniger also auch nicht mehr an.
Ich für meinen Teil muss mir manchmal die Dinge zurechtlieben, gerade in diesem Monat voller Unzufriedenheit, so auch die neue "Familien"situation. Sie so lange anschauen oder mich so lange damit beschäftigen, bis ich etwas Liebenswertes daran finde. "Kann ja noch kommen", denke ich mir dann. Liebe braucht Zeit.

Und überhaupt: Käthe soll erst mal lernen, sich zu benehmen. Die jungen Dinger haben alle gar keine anständigen Manieren mehr. Es ist so schade, wenn Menschen grundlegende Regeln der Höflichkeit nicht mehr beherrschen. Bitte, Danke, Guten Tag, Auf Wiedersehen, Entschuldigung, Pünktlichkeit. Dem Mensch, der hinter mir durch die Tür gehen möchte, diese aufhalten. Kurz: Respekt vor meinen Mitmenschen. Benehmen hat nichts damit zu tun, ob ich meine Jacke im Restaurant über die Stuhllehne hänge, ob ich mein Bier aus der Flasche oder dem Glas trinke oder mit welcher Hand ich mein Besteck beim Essen halte. Solcherlei überflüssigen Kram könnt ihr Styleguides entnehmen oder Buzzfeed-Listen mit 20 Lifestyle-Tipps that will change your life forever. Es reicht freundlicher Respekt füreinander und ein bisschen Menschlichkeit, das ist völlig unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität.



Passend zum neuen Jahr habe ich keine Vorsätze, da ich jene spätestens im Februar wieder über Bord werfen würde. Und meine Vorsätze aus dem alten Jahr waren auch noch kaum genutzt, wie neu. Hat jemand Interesse? Es bedarf keines festgelegten Datums, um Dinge zu ändern. Es bedarf eines inneren Drangs, einer Einstellung. Das fängt bei einem selber an. Und was gibt es für einen besseren Vorsatz, als sich selbst ein bisschen mehr zu lieben oder sich zumindest mal ein bisschen mehr zu akzeptieren wie man ist? Es gibt wahrlich schlechtere Vorsätze als mit sich im Reinen zu sein ohne ein selbstverliebter Egozentriker zu werden. In diesem Sinne: Liebt euch selbst und startet damit am besten sofort. Seid kein Arsch. Genießt das Leben, ihr habt nur eins. Bringt Kuchen mit. Und gerne auch ein Komma. An der richtigen Stelle kann es so wichtig sein. Auf einmal wäre die Vorhaut aus dem Titel gar nicht mehr tätowiert.
Und fangt vielleicht auch sofort damit an, das Smartphone mal ab und zu beiseite zu legen. Besonders, wenn ihr Kinder habt. Auch dieser Vorsatz ist sicherlich nicht der schlechteste.

P.S.: Ich hänge übrigens meine Jacke im Lokal nach Möglichkeit nicht über die Stuhllehne, trinke Bier aus der Flasche und lasse Menschen ungern warten, denn deren Zeit ist genauso wertvoll wie meine. Ist eigentlich "Die soll erstmal anständiges Benehmen lernen!" das, was für die Altvorderen "Haben Sie überhaupt gedient?" war? Ich glaube, ich bin mein eigener Opa. Bald fange ich an, wieder in D-Mark umzurechnen.

tl;dr: Jahrebeginn mit deutlichem Steigerungspotential, der Januar ist der HSV unter den Monaten, steht seit Jahren schon im besten Fall auf einem Relegationsplatz.

Donnerstag, 12. Januar 2017

12 von 12 [Januar-Edition]

An jedem 12. eines Monat findet das Fotoprojekt "12 von 12" statt und in diesem Monat ist mein Monatszwölfter nicht so vollgepackt, dass ich nicht zwischendurch mal einige Bilddokumente erstellen könnte.

 Der Tag geht los mit einer Thrombose-Spritze, damit mir das Bein nicht abfällt oder so.

Coffee to go ist eigentlich nicht so mein Ding, aber momentan ist es die einzige Möglichkeit, den Kaffee ohne fremde Hilfe von der Maschine zum Tisch zu transportieren, denn...



...dort ist mein mobiler Kommandostand und mein Homeoffice. Später dann geht es zur Kontrolluntersuchung, ...



...wo die Redon-Drainage endlich entfernt wird. Mit einem Becher voller Blut herumzulaufen hat schon ein bisschen genervt.










Dank Kreuzchen wurde auch das richtige Knie operiert. Leider nicht ganz ohne Komplikationen, aber irgendwas ist ja immer.



Dafür kann ich mich jetzt wochenlang von Frau Tierlieb kutschieren lassen (noch macht sie es gerne).



Wir machen einen kleinen Ausflug zum Autohaus, wo mein neuer Dienstwagen schon parat steht. Leider muss ich noch zwei Monate bis zur Übernahme warten.



Wieder zu Hause angekommen, kann ich endlich mal ein gutes Buch lesen bzw. ausfüllen.



Dann hatte die Rakete Reitstunde. Ihre eiskalten Füße konnte sie mit ihren Freunden...



...und mir ein bisschen auf der Couch beim gemeinsamen Abhängen aufwärmen.



Meine Uhr ist mit dem angepassten Tagesziel von knapp 5000 Schritten schon sehr nachsichtig mit mir. Aber mit Gehhilfen lässt sich nicht besonders gut laufen. Und Stockwerke zählen anscheinend überhaupt nicht, selbst wenn der Etagen-Wechsel mich momentan die meiste Mühe kostet. Ich fühle mich diskriminiert.



Zwischen den Wolken blitzt der Vollmond durch die Wolken, die in der kommenden Nacht den Schnee bringen sollen. Endlich soll mal Schnee fallen und ich darf nicht räumen. Es ist zum Verzweifeln.